»GUTE SOFTWARE LEISTET EINEN
BEITRAG FÜR DIE GESELLSCHAFT«

Prof. Peter Parycek ist Experte für Digitalisierung und E-Governance. Im Interview verrät er, was gute Software für den Staat leisten kann. Und warum sich die Verwaltung im Kampf um die besten Köpfe nicht verstecken muss.

Prof. Peter Parycek, (c) Fraunhofer FOKUS

Herr Prof. Parycek, in den verschiedenen Indizes rangiert Deutschland eher im Mittelfeld: Warum ist Deutschland kein E-Government-Vorreiter?

Ein wichtiger Punkt ist sicherlich die Größe des Landes und seine föderale Struktur: Dass viele Menschen mitsprechen dürfen, macht es komplexer und zeitintensiver, Entscheidungen zu treffen. Das ist in kleineren Ländern wesentlich einfacher. Dänemark zum Beispiel ist führend in puncto Digitalisierung – es ist aber auch ein überschaubares Land, in dem schneller Kompromisse gefunden werden können. Aber Deutschland wird aufholen: Das Online-Zugangsgesetz, nachdem ab 2022 alle Verwaltungen ihre Dienste auch digital anbieten sollen, hat bereits jetzt viel in Bewegung gebracht.

Sie plädieren im Zusammenhang mit der Digitalisierung für eine neue Kultur in deutschen Behörden. Wie meinen Sie das?

Vor allem meine ich, dass die Sicht der Nutzerinnen und Nutzer früher abgebildet werden muss. Dafür brauchen wir kleine interdisziplinäre Teams, die in vielen kleinen iterativen Schritten ihre Projekte wachsen lassen. Und das von Anfang an userzentriert. Hier ist es nicht mit einem einmaligen Design-Thinking-Workshop oder mit einer Befragung der Anwenderinnen und Anwender getan. Vielmehr sollte man fortlaufend testen und beobachten, wie eine Anwendung tatsächlich genutzt wird.

Das deutsche Steuerrecht ist komplex und ändert sich immer wieder. Wie kann die Software damit Schritt halten?

Diese Herausforderung könnte man schon im Gesetzgebungsverfahren angehen: Indem zum Beispiel Informatikerinnen und Informatiker hinzugezogen werden und das Gesetz so formuliert wird, dass der Text auch für eine Maschine lesbar
ist. Dafür müsste man sich an gewisse Syntaxvorgaben halten, aber es ist machbar – und würde einen großen Schritt hin zu einem echten digitalen Staat bedeuten.

Sie benutzen in diesem Zusammenhang die Formulierung »Law is Code« …

Genau, damit meine ich: Gesetz und Code sollten gemeinsam beschlossen werden, sodass sich die digitale Welt nicht vom Rechtsstaat loslöst.

Was bringt eine gute Verwaltungssoftware?

Alles! Software kann nach innen für sehr hohe Akzeptanz sorgen, wenn sie die Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleichtert. Und sie kann nach außen hin das Leben der Bürgerinnen und Bürger vereinfachen. Ich denke vor allem an diejenigen unter uns, die ihre Arbeit verlieren oder krank sind: Für sie ist es besonders wichtig, dass sie Services mobil nutzen können und mit wenigen Klicks zu Unterstützungsleistungen kommen. So leistet gute Verwaltungssoftware auch einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft.

Fähige Entwickler sind rar, es gibt mehr Stellen als Personal. Wie könnte die öffentliche Hand allgemein und KONSENS im Speziellen im Kampf um die besten Köpfe punkten?

Das Vorhaben KONSENS hat einen großen Trumpf: Es stiftet Mehrwert. Und daran haben viele junge Leute Interesse. Ich habe schon oft mit Entwicklerinnen und Entwicklern gesprochen, die etwas Sinnvolles tun wollen und keine Lust haben, den Verkaufsalgorithmus für den Warenkorb eines Onlineportals zu optimieren. Mehrwert allein reicht aber nicht: Wichtig ist, ein modernes Arbeitsumfeld zu schaffen. Damit meine ich weder Kickertisch noch quietschbuntes Mobiliar, sondern vor allem moderne Arbeitsweisen mit kleinen Teams und hoher Eigenverantwortung. Und: Der Bewerbungsprozess muss schnell gehen. Denn wenn gute Leute mehrere Wochen auf eine Entscheidung warten müssen – dann sind sie weg.


Prof. Peter Parycek leitet seit 2017 das Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) am Fraunhofer FOKUS Institut. Im August 2018 wurde er in den Digitalrat der deutschen Bundesregierung berufen. An der Donau-Universität Krems verantwortet er zudem das Department für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung.