»DER WANDEL IST JETZT SPÜRBAR«

Wie geht erfolgreiche Digitalisierung in der Verwaltung? Und warum ist moderne Verwaltungs-IT für unsere Gesellschaft so wichtig? Im Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Schmid, der an der Hochschule Hannover den Studiengang »Verwaltungsinformatik« verantwortet.

Herr Prof. Schmid, hat die Corona-Pandemie die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung vorangebracht?

Es hat sich auf jeden Fall vieles rasant verändert. Heute werden mehr Leistungen online bereitgestellt, als man sich das noch vor einem halben Jahr hätte vorstellen können. Und auch die Arbeitswelt der Verwaltung ist digitaler geworden, hat Homeoffice für sich entdeckt, genauso wie Online-Tools für Telefon- und Videokonferenzen. Das wiederum wirkt sich positiv auf die Attraktivität der öffentlichen Verwaltung als Arbeitgeber aus, gerade mit Blick auf junge Leute. Nicht zuletzt hat Corona auch politisch einiges beschleunigt: So hat die Bundesregierung im Sommer entschieden, noch mal drei Milliarden Euro zusätzlich für die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes auszugeben.

Stichwort Onlinezugangsgesetz: Wird es aus Ihrer Sicht gelingen, bis 2022 alle Leistungen der öffentlichen Verwaltung ins Netz zu stellen?

Nein, aber das finde ich auch nicht allzu schlimm. Natürlich braucht man ein Datum, an dem man sich orientieren kann. Und die Politik kann so Druck aufbauen. Aber andererseits funktionieren viele Dinge ja bereits sehr gut und der Wandel ist jetzt spürbar.

Sie sind Fachmann für die digitale Transformation der Verwaltung. Aus Ihrer Erfahrung: Sind Verwaltung und Veränderung an sich schon ein Widerspruch?

Nein. Die Bremsen von Reformen sitzen meiner Meinung nach nicht auf den Ämtern oder in den Kommunen. Vielmehr ist unsere Gesellschaft, unsere Politik hinsichtlich größerer Veränderungen häufig zögerlich. Ich begegne in der deutschen Verwaltung sehr vielen intrinsisch motivierten, aufgeschlossenen Menschen. Die haben sich für den öffentlichen Dienst entschieden, weil sie etwas für die Gesellschaft leisten wollen.

Sie widmen sich im Rahmen Ihrer Arbeit den Herausforderungen von Digitalisierungsprojekten in der Verwaltung. Was macht eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie aus?

Eine klare, unabänderliche Zielsetzung von Anfang an. Ein Risikomanagement, welches frühzeitig auf Fehlentwicklungen hinweist. Ein externer Beratungsdienstleister, der nicht nur ausgewählt wurde, weil er am günstigsten ist – sondern weil er am besten zum Projekt passt. Und ganz vorn: die richtigen Ressourcen, zum Beispiel erfahrene Projektmanagerinnen und -manager. Dafür muss sich natürlich auch beim Einstellungsprozess etwas verändern, man muss die Hierarchiestufen durchlässiger gestalten und auch Quereinsteigern wie IT-Spezialisten eine Chance geben.

»Otto Normalbürger« hat im Jahr schätzungsweise nur 1,5 Verwaltungskontakte. Inwiefern spielt moderne Verwaltungs-IT trotzdem eine wichtige Rolle?

Eine moderne Informationstechnik ist entscheidend für den gesamten Erfolg einer Gesellschaft. Nehmen Sie als Beispiel eine »Normalbürgerin«, die ihre Steuerdaten abgibt und – sagen wir – 800 Euro wiederbekommt. Wenn sie diese 800 Euro zwei Wochen früher auf ihrem Konto hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie diese auch früher wieder investiert. Wenn sie sich aber nicht darauf verlassen kann, ob sie Geld zurückbekommt, wie hoch die Rückzahlung ausfällt und wann das Geld auf ihrem Konto ist, kann dies der Wirtschaft schaden. Dieses kleine Beispiel zeigt schon, wie wichtig die Verlässlichkeit von Prozessen, eine gewisse Geschwindigkeit sowie Effizienz und Effektivität in der Verwaltung sind. Und der Schlüssel dazu ist moderne Informationstechnik.


Dr. Andreas Schmid ist Professor für Public Management und Verwaltungshandeln an der Hochschule Hannover. Er verantwortet den Studiengang »Verwaltungsinformatik« und arbeitet u.a. als Auditor und Risikomanager für IT-Projekte. Im Jahr 2019 erschien sein Herausgeberband »Verwaltung, eGovernment und Digitalisierung – Grundlagen, Konzepte und Anwendungsfälle«. [Foto: privat]