»DIE UMSTELLUNG ENTLASTET UNS«

»Digital Natives haben in Sachen Digitalisierung hohe Erwartungen an ihren Steuerberater und ihr Finanzamt«, sagt Dr. Raoul Riedlinger, Präsident der Bundessteuerberaterkammer. Was das für seinen Berufsstand bedeutet und welche Rolle KONSENS dabei spielt, erzählt er im Interview.

Dr. Raoul Riedlinger im Gespräch
Dr. Raoul Riedlinger im Gespräch

Herr Dr. Riedlinger, was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Digitalisierung im Steueralltag denken?

Zunächst: die gut laufenden Projekte ELSTER und E-Bilanz. Unser Berufsstand hat zusammen mit der Finanzverwaltung die Vollmachtsdatenbank auf den Weg gebracht, der nächste Schritt ist ein Steuerberaterpostfach für sichere, unkomplizierte Kommunikation. Unser Arbeitsalltag befindet sich mitten im Umbruch.

Welche Bedeutung hat dieser Umbruch?

Die Digitalisierung bietet eine große Chance. Die Effizienz in der Steuerberaterkanzlei kann sie aber nur dann verbessern, wenn sie ganze Prozessbereiche umfasst und fehleranfällige Medienbrüche und Mehrfacharbeiten überflüssig macht. Ein Risiko sind andererseits die immer größeren Datensammlungen. Hier muss sichergestellt sein, dass das Steuergeheimnis geschützt bleibt.

Welche Rolle spielt KONSENS hier?

Das Vorhaben ist ein wichtiger Teil auf dem Weg der Digitalisierung unserer Arbeitswelt. Besonders wichtig ist aus meiner Sicht, dass sich KONSENS zum Ziel gesetzt hat, die in den Ländern eingesetzte IT des Besteuerungsverfahrens zu vereinheitlichen und zu modernisieren – und dass damit die heterogenen IT-Strukturen der Länder abgelöst werden. So werden Bürokratiekosten reduziert.

Was hat sich bereits verändert?

KONSENS hat bereits spürbare Erleichterungen für Bürger, Unternehmen, den Berufsstand und die Verwaltung gebracht. Die Abschaffung der Lohnsteuer-Pappkarte war eine große Entlastung; deren manuelle Bearbeitung war sehr umständlich. Seit 2011 ist das zum Glück vorbei.

Wie nimmt Ihr Berufsstand das Vorhaben auf?

Der zieht natürlich seinen Nutzen aus den Umstellungen. Die Steuerkontoabfrage in Verbindung mit der Vollmachtsdatenbank, die elektronische Übermittlung der Steuererklärungen und die vorausgefüllte Steuererklärung setzen sich immer mehr durch, sie bringen Kosten- und Effizienzsteigerungen.

Was könnte man verbessern?

Derzeit werden Daten über eine Einbahnstraße an die Finanzverwaltung übermittelt. Bei Klärungsbedarf müssen die Steuerberater auf Post, Telefon oder Fax zurückgreifen. Ein besserer digitaler Datenaustausch und ein strategisches Gesamtkonzept sollten das Ziel sein.

Und worauf kommt es in Zukunft an?

Wichtig ist, das einheitliche Steuernummernsystem voranzutreiben und die lange geplante Wirtschaftsidentifikationsnummer einzuführen. Wenn Steuerpflichtige diverse Nummern von ihrer Finanzverwaltung erhalten, bremst das die Digitalisierung aus. Wichtig ist auch der Dialog: dass die Steuerberater als professionelle Partner der Finanzämter früh in neue Entwicklungen eingebunden werden.

Könnten Tools wie die vorausgefüllte Steuererklärung den Steuerberater überflüssig machen?

Was die Zukunft betrifft, so beobachten wir, dass die am Markt verfügbaren Programme lernen und auch immer umfassender arbeiten. Ich rechne damit, dass sich die Steuerberatung in den nächsten zehn Jahren erheblich verändern wird. Gleichzeitig bin ich aber der Auffassung, dass die individuellen Probleme unserer Mandanten nicht von einem Algorithmus gelöst werden können. Der persönliche Kontakt und die anspruchsvolle und qualifizierte Beratung eines Steuerberaters sind nicht zu ersetzen.


Dr. Raoul Riedlinger ist Steuerberater, Rechtsanwalt und Wirtschaftsprüfer. Als Präsident der Bundessteuerberaterkammer vertritt er mehr als 96.000 Steuerberaterinnen und Steuerberater, Steuerbevollmächtigte und Steuerberatungsgesellschaften. Aktuell stehen die Digitalisierung und der Fachkräftemangel im Fokus der Kammerarbeit.