»2022 WIRD DAS JAHR DER
VERWALTUNGSDIGITALISIERUNG«

Wie sieht E-Government konkret aus? An welchen Stellschrauben lässt sich die Behördenkommunikation optimieren und die Kundenzufriedenheit erhöhen? Über große Fortschritte in der digitalen Transformation spricht Branchenexperte Mathias Oberndörfer (KPMG).

Porträtfoto Mathias Oberndörfer
Mathias Oberndörfer, Vorstand Tax KPMG Deutschland und Geschäftsführer der KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

Herr Oberndörfer, wie ist der Status quo der Digitalisierung der deutschen Verwaltung?
Weil die Kommunen in Deutschland ein Selbstverwaltungsrecht haben und die Bundes- und Länderverwaltungen diese nicht anweisen können, bietet die Verwaltungswelt ein sehr heterogenes Bild: Jede Verwaltungsbehörde nutzt eine andere Software und hat ihren eigenen Umgang mit Technologie. Zugleich aber verpflichtet das neue Onlinezugangsgesetz des Bundes alle öffentlichen Stellen darauf, bis Ende 2023 die 575 gängigsten Verwaltungsleistungen zu digitalisieren; ob es um die Anmeldung von Hunden geht, die Beantragung des Jagdscheins oder die Steuererklärung.

Woher kommt die Dringlichkeit in diesem Transformationsprozess?
In einer digitalisierten Welt kann die Verwaltung nicht außen vor bleiben. Ansonsten müssten selbst Mitarbeiter eines DAX-Unternehmens, die kurzfristig eine Vertriebsgesellschaft gründen möchten, den herkömmlichen Weg wählen: Formulare ausdrucken, im Amt warten und zig Unterschriften einholen, bevor sie ans Ziel kommen. Das alles kostet sehr viel Zeit und Geld. Nicht nur wegen der Milliardenbeträge, die für alle Beteiligten eingespart werden könnten, sollte die Digitalisierung des Staates vorangetrieben werden, sondern auch, weil er als entscheidender Partner von Gesellschaft und Wirtschaft die Regularien setzt und fähig sein muss, mit allen auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Wie lange wird dieser Prozess dauern und wie sieht der Behördenkontakt der Zukunft aus?
Qualitativ, quantitativ und vom Tempo her sind wir auf einem sehr guten Weg: In den letzten
zweieinhalb Jahren wurden in Digitallabors bereits über ein Drittel aller Verwaltungsleistungen, die digitalisiert werden müssen, so weit entwickelt, dass bald jede Kommune diese optional einsetzen kann. Für 2022 ist geplant, einen Großteil der behördlichen Dienstleistungen digital abrufbar zu machen – das wird das Jahr der Verwaltungsdigitalisierung! Dann muss man sich bestenfalls als Nutzerin oder Nutzer nur noch einmal über ein eigenes Konto identifizieren, und sobald man ein Kfz-Kennzeichen oder einen neuen Reisepass beantragt, erkennt das System die Identität und sorgt dafür, dass man Nummernschild oder Pass per Post erhält, ohne dass man seinen Personalausweis persönlich vorzeigen müsste.

Vor welchen weiteren Herausforderungen steht man bei der Modernisierung des öffentlichen Sektors?
In diesem Prozess prallen Welten aufeinander: Hier die Verwaltung mit einem zum Teil althergebrachten preußischen Verständnis von Über- und Unterordnung, wo zwar rechtssicher und korrekt, aber nicht immer zeitökonomisch gearbeitet wird; und dort Bürgerinnen und Bürger, die die Erwartung haben, mit zwei Klicks vom Mobiltelefon aus alles Notwendige erledigen zu können. Ziel ist ein bürgerzentrierter Dialog mit Behörden,
die sich als Dienstleister verstehen und für alle Lebenslagen digital abrufbare Leistungen rund um BAföG, Elterngeld oder Rente etablieren. Um dabei auch ein attraktives Kundenerlebnis zu schaffen, das der Bedienerfreundlichkeit und Nutzerführung beim Online-Shopping in nichts nachsteht, braucht es interaktive und agile Apps – und Know-how. Aber noch fehlt es in der Verwaltung vielerorts an Expertise in Sachen Innovation und Customer Journey.

Was verändert die Digitalisierung an der Arbeitsplatzbeschreibung?
Alles! Software kann nach innen für sehr hohe Akzeptanz sorgen, wenn sie die Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleichtert. Und sie kann nach außen hin das Leben der Bürgerinnen und Bürger vereinfachen. Ich denke vor allem an diejenigen unter uns, die ihre Arbeit verlieren oder krank sind: Für sie ist es besonders wichtig, dass sie Services mobil nutzen können und mit wenigen Klicks zu Unterstützungsleistungen kommen. So leistet gute Verwaltungssoftware auch einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft.


Mathias Oberndörfer war bis September 2021 Bereichsvorstand der KPMG AG für den öffentlichen Sektor. Seit Oktober 2021 engagiert er sich als Mitglied des Vorstands bei KPMG für nachhaltige Wachstumsentwicklung, den Ausbau der Branchenfokussierung und die Begleitung der Kundinnen und Kunden bei der digitalen Transformation. Seit 2016 ist er Geschäftsführer der KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft. Seine Schwerpunkte: Vertragsrecht, Vergaberecht, EU-Beihilfenrecht, Kommunalwirtschaftsrecht, Haushaltsrecht und Outsourcing. [Foto: Holger Gottschall]